7. Das Wissen der Könige

Die Bauarbeiten an der Aresburg gingen auch ohne Baumeister zügig voran. Im Vorland der kleinen Siedlung wurde der Wald gerodet und ein äußerer Verteidigungswall aus Holz und Erde errichtet. Nach wenigen Tagen war ein Steinbruch erschlossen. Es war derselbe Steinbruch, der schon die ursprüngliche Burg speiste. Im Burghof wurde exerziert und der Kampf geübt. Im Gewühl der Burg bildete der Rittersaal im Burgfried einen Ort der Ruhe. Die Fürstin und Robert saßen hier nun fast täglich beisammen, um die nächsten Schritte und Maßnahmen zu planen. Zunächst teilte Robert sein Wissen über die Macht mit der Fürstin. Sie schien gut ausgebildet und geschult zu sein, doch konnte es kaum schaden, die wesentlichen Grundlagen aufzufrischen.

Jahrtausende lang war es üblich, dass Herrscher das geheime Wissen ihrer Macht und ihre Erfahrung in der Führung der Staatsgeschäfte und in der Kriegsführung an ihre Nachkommen weitergaben. Über Jahrtausende wuchs dieses Wissen und wurde verfeinert und verbessert. Die technische Entwicklung schritt voran und es stellte sich heraus, dass dieses Wissen wie ein edles Metall seine Gültigkeit behielt.

Da seit Jahrtausenden Herrscher ihre Kinder von klein auf im Umgang mit Macht ausbilden lassen, verschaffen sie ihnen einen vortrefflichen Vorteil gegenüber aller anderen. Weil nun nicht jeder, der ein Herrscher sein will oder sein muss, in den Genuss kam, dieses Wissen von seinen Ahnen zu erben, schrieb Robert es einst nieder. Im Buch des großen Herrschers. Er fasste es in eine solche Kürze, dass das Studieren vieler Hundert Bücher und das jahrelange Schulbankdrücken erspart bleiben konnte.

Robert hat dieses Wissen viele Jahre lang erlesen, erfragt, beobachtet, aber auch erfahren. Als Beamter wusste er, dass nur die wenigsten Herrscher fähig waren, alle Methoden der Macht anzuwenden. Einige dieser Methoden mögen für den Laien vielleicht abstoßend oder grausam wirken. Doch ist es die Natur der Macht, dass die Dinge sind, wie sie sind.

Es mag erhaben und ehrenhaft wirken, wenn ein Herrscher nur auf angenehme Weise regiert. Doch wird er untergehen, wenn ein Rivale alle Möglichkeiten der Macht nutzt. Wer von Anfang an bestimmte Methoden verurteilt und ausschließt, der ist immer schwach gegen den, der bereit ist, auch die Grausamkeit für sich zu nutzen.

Robert war klar, dass die Fürstin darüber gut im Bilde war. Fürst Dragon hatte ein reines Gewissen und war ohne Reue und ohne Gram.

An Macht ist nichts Gutes und nichts Böses. Ein Herrscher, der die Macht verachtet, wird als böse, feige, tyrannisch, selbstsüchtig oder sonst wie verhasst in die Geschichte eingehen. Selbst dann, wenn seine Absichten edel und voller Güte sein mögen.

Das Volk ist in den Glauben erzogen, zu wissen, was gut und was böse ist. Das ist wichtig, damit es in Ordnung und in Frieden leben kann. Wer aber wahrhaft herrschen will, muss eines wissen. Was das Volk Gut und Böse nennt, ist nur Illusion. Andere Völker nennen andere Dinge Gut und Böse. Treffen verschiedene Völker aufeinander, herrscht Misstrauen und manchmal Hass. Die Kunst des Herrschens ist es, höher zu sein als das Gute und das Böse und zu tun, was getan werden muss. Ob der eine es gut oder der andere es böse nennen mag.

Der Herrscher, der verstanden hat, die Bewertung der Dinge in Gut und Böse zu unterlassen, der wird auch außerhalb seiner Ethnie, außerhalb seines Glaubens und außerhalb seines Volkes Verständnis für andere Kulturen aufbringen können. Dem kann es gelingen, jedes Volk zu regieren. Der kann verstehen, was getan werden muss, um das Schicksal des Volkes in goldene Zeiten zu lenken. Ein wahrhaft großer Herrscher vollbringt das Kunststück, dass verhasste Völker friedlich und in Ordnung zusammenleben.

Niemals darf der Herrscher seine persönlichen Interessen über die des Volkes stellen. Ebenso darf er es aber auch niemals unterlassen, für des Volkes Wohlergehen zu peinigen, Wort zu brechen, zu zerstören und Opfer zu bringen, wenn es die Situation erfordert. Unterlässt es der Herrscher zu tun, was getan werden muss, dann ist er genauso erbärmlich wie der, der seine Macht missbraucht, um sich selbst zu bereichern und das Volk bestiehlt.

So widerwärtig der Einsatz scharfer Waffen sein mag, empfiehlt es sich dennoch nur bewaffnet in ein Gefecht zu gehen. Die Waffe ist nur ein Mittel und ebenso verhält es sich mit den Regeln der Macht. Wenn der Herrscher selbstlos das Notwendige tut, kann seine Herrschaft vollkommen sein.

Viel vom Verhalten eines wahrhaftigen Herrschers erkannte Robert in der Fürstin. Dieser Fürstin konnte kaum ein anderer das Wasser reichen. Nur das gerade diese Fürstin sich einer prekären Situation ausgesetzt sah und ohne fähigen Hofstaat aufgeschmissen war.

Robert versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass es ihm schwerfiel anzufangen. Zu umfangreich waren die Probleme, die es zu bewältigen galt. Schließlich sammelte er sich und begann:

„Als Herrscher müsst Ihr Euren Untertanen immer einen Schritt voraus sein. Weil es aber für irdische Wesen kaum möglich ist, allwissend zu sein, ist es umso wichtiger, so zu wirken. Es ist mühsam, jede Situation mit einer immer neuen Entscheidung zu belegen. Das Leben und Handeln am Hofe soll daher standardisiert sein. Das Hofprotokoll und die Etikette sollen alle Abläufe regeln. Alles, was sich immerzu wiederholt, soll den immer gleichen und klaren Regeln folgen. So habt Ihr Zeit für wichtige Entscheidungen, ohne dabei die alltäglichen Dinge zu vernachlässigen.“

Fürst Dragon hörte Robert gespannt zu. Schwieg aber fein, was eine fordernde Wirkung hatte. Robert bemerkte die Stille, die fast unerträglich zum Sprechen drängte. Er wusste sie richtig einzuschätzen, lächelte und fuhr fort.

„Meine Fürstin. Für diesen ersten Schritt müssen wir den Hofstaat und die Führung organisieren. Der Knecht kennt Eure Etikette und die Gepflogenheiten des alltäglichen Burglebens. Er ist schriftkundig und soll die Etikette und das Hofprotokoll niederschreiben. Er soll zukünftig Euer Schriftführer sein, bis wir vertrauensvollen Ersatz haben. Der Knecht soll auch als Herold dienen. Wenn Ihr erlaubt, übernehme ich selbst die Rolle des Zeremonienmeisters.“

Robert sah die Fürstin fordernd an. Diese lies auf ihre Antwort warten, beugte sich dann nach vorn, um Spannung aufzubauen und fragte zurück: „Wir halten Euch für einen fähigen Zeremonienmeister. Wie aber gedenkt Ihr Euren Pflichten gerecht zu werden, wenn Eure anderen Aufgaben Euch zum Reisen nötigen. Für Euch mag die Stellung des Zeremonienmeisters nebensächlich und bescheiden sein, doch würdet Ihr nicht unseren Knecht um seine Stellung bringen? Es ist seine Leidenschaft, uns zu dienen, und er wird sich nicht beklagen. Doch wie würde es sich auf seine Loyalität und Treue auswirken, wenn Ihr ihn zum Schreiber degradiert? Der Knecht ist uns ein geliebter Vertrauter. Wie wollt Ihr ihm gerecht werden, Robert?“

Robert verstand sofort und bat nun darum, den Knecht in den geheimen Künsten der Macht unterrichten zu dürfen, damit er das Amt des Zeremonienmeisters gut vorbereitet bekleiden könne. Diese Idee gefiel der Fürstin. Nach einigen Stunden stand fest, wie die Führung der Burg zu organisieren sei.

Robert genoss als Beamter die höchste Stellung nach der Fürstin. Er war Berater, Diplomat und kompensierte alle Lücken in der Organisation. Arne stellte den Feldherrn und organisiert alle militärischen Angelegenheiten. Der Knecht war Schreiber und Herold und sollte nach seiner Ausbildung als Zeremonienmeister die Etikette umsetzen und alles um die Fürstin herum besorgen. Zusammen mit Fürst Dragon stellten die vier den Rat von Aresburg.

Damit die Fürstin nicht mehr von den alltäglichen Dingen am Hofe behelligt wird, bedurfte es einem Hofmeister, der das Hofprotokoll umsetzte und dem der Hofstaat zu Diensten war. Für die Verteidigung der Burg, die Befehlsgewalt der Garnison und die Ausbildung der Krieger musste ein Waffenmeister gefunden werden.

Es brauchte auch einen Schulmeister, der den einfachen Leuten das Lesen und Schreiben lehren sollte. Robert wusste, dass er ursprünglich dafür hergeholt wurde, aber dafür hatte er wohl kaum Zeit. Robert dachte dabei an einen Magier oder einen Alchemisten oder noch besser beides. Den Baumeister besorgte Arne.

Die nächste wirklich große Prüfung sollte es sein, die Raubritter, Klanführer und Adligen aus Amontor zu empfangen. Robert wollte sichergehen, dass die Fürstin bei diesem Treffen übermächtig groß erscheint. Im schlimmsten Fall würden die Gäste Fürst Dragon verachten und nach ihren Schätzen und Ländereien trachten.

Robert schlug daher vor: „Meine Fürstin. Haltet bald Audienzen im Volk. Das verschafft uns einen Überblick über die Belange der Leute. Vielleicht finden wir auch gleich die Geeigneten für die Besetzung der offenen Stellen. Einen Hofmeister, einen Waffenmeister oder sogar einen Schulmeister. Außerdem ist die Audienz die beste Gelegenheit, um für Staatsbesuche zu üben. Eure Untertanen werden Euch kleine Patzer sicher gern vergeben. Ein Herrscher hingegen wird Salz in die Wunde streuen, um Euch zu schwächen.“

Die Fürstin stimmte zu. Es sollten Audienzen angekündigt werden, sobald Arne wieder in der Burg ist. Die Zwischenzeit nutzte Robert, um den Knecht auszubilden. Dessen Treue sollte zu Rang und Titeln gereichen. Als engster Vertrauter der Fürstin musste er auf zukünftige Herausforderungen gut vorbereitet sein.


Fortsetzung am 24.03.2023 mit „Das Tierkreuz“

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